Apr 20

rzotin-2Rostislav Zotin, geboren 1976 in der Ukraine, machte seine ersten Erfahrungen im Programmieren (Basic) schon im Jahre 1984 - auf der Arbeit seiner Eltern in Kiev. Später programmierte Zotin auch in Deutschland am eigenen C64 und 286er, den er sich mit 15 Jahren mit Hilfe von Softwareübersetzung verdient hatte. Als Student der Medientechnik mit Schwerpunkt “Internettechnologien” entwickelt Rusty, wie ihn alle seine Kollegen und Freunde heute nennen, im Rahmen seiner Diplomarbeit Webanwendungen für seinen künftigen Arbeitgeber: MTV Networks. Nebenbei konzipiert und programmiert er E-Commerce Lösungen in PHP, um sein Studium zu finanzieren. Nach seinem abgeschlossenen Studium arbeitet Rostislav Zotin als Online Producer, Senior Online Producer und seit 2007 als Senior Manager Interactive Operations für die Musiksender MTV und VIVA in Berlin. Mit uns hat er über Entwicklungen und Trends im Webdesign gesprochen. Hier nun der erste Teil eines äußerst informationsreichen Gesprächs:

Redaktion: Die Entwicklung im Bereich Webdesign in den letzten Jahren verlief ziemlich rasant. Zunehmend spielen audiovisuelle Elemente eine Rolle. Geht der Trend nun verstärkt in diese Richtung?

R. Zotin: Rasant ist fast schon untertrieben, oder hätte jemand vor 2-3 Jahren geglaubt, z.B. Youtube auch tatsächlich “unterwegs” genießen zu können? Die Bandbreite, die dem Konsumenten zur Verfügung steht, wächst stetig und veranlasst uns alle natürlich immer mehr, von diesen Elementen Gebrauch zu machen.

Die Steigerung der Reichweite und der momentanen Aufmerksamkeit ist für viele Webseitenbetreiber zur täglichen Hauptaufgabe geworden. Das spiegelt sich natürlich auch in den Trends des Webdesigns wider. Zunehmend sehen beliebte und insbesondere neue Webseiten (sog. Start-Ups) aufgeräumter aus. Die Zeit, die ein Besucher durchschnittlich auf einer Seite sozusagen “im Vorbeischauen” schenkt, beschränkt sich nur auf wenige Sekunden. Schafft man es nicht mittels eigenen Webdesigns, den typischen Besucher seiner Zielgruppe in diesen 2-3 Sekunden zu überzeugen, ist dieser weg und kommt möglicherweise auch nicht so schnell wieder zurück. Wenn man jedoch audiovisuelle Elemente gekonnt einsetzt und den Besucher begeistern kann, ist ein Erfolg zumindest für kurze Zeit beinahe garantiert. Hier kommt dann noch hinzu, dass die Verbreitung je nach Thema zunehmend auch mittels Socialmarketing (digg, reddit, twitter, facebook usw.) erfolgt. Dann bleibt nur noch die Aufgabe, den Benutzer lange auf der Seite zu behalten und ihn zu überzeugen, möglichst bald wieder zu kommen (Stickyness).

Redaktion: Welche technischen Möglichkeiten gibt es heute, die in den letzten Jahren noch kaum denkbar waren?

R. Zotin: Diverse ausgereifte Opensource Frameworks machen bei richtiger Anwendung den Webentwicklern das Leben nun erheblich leichter. Wer vor wenigen Jahren noch im Internet Explorer den größten CSS-Feind sah, seine ausklappbaren Javascript-Menüs sich irgendwo zusammengeklaut hat, seine Flashanimationen in mühevoller Kleinarbeit Frame für Frame erschaffen hat und froh darüber war endlich die richtige Stelle im Spaghetti Code seiner eigenen Webanwendung gefunden zu haben, benutzt heute YAML, Mootools, Tweener, CakePHP - um nur wenige dieser wunderbaren Werkzeuge zu nennen. Die Entwicklungszeiten haben sich hierdurch drastisch reduziert.

Redaktion: Welche technischen Weiterentwicklungen kann man jetzt schon voraussagen, was wird in den kommenden Jahren im Webdesign noch möglich sein?

R. Zotin: Natürlich hängt hier sehr viel von den Tools ab, mit welchen man arbeitet. Je besser das Werkzeug, desto besser auch das Ergebnis. Mit Tools meine ich aber nicht ausschließlich die Grafikprogramme, die auch mal einen HTML-Schnipsel ausspucken können oder HTML-Editoren, die ein schönes Highlighting haben. Die Entwicklung solcher zum größten Teil frei verfügbarer Tools, wie der bereits zuvor genannten Frameworks, ist so rasant, dass ich nicht zu sagen wage, was bereits in einem Jahr alles möglich sein wird. 360° Seiten, also solche, die nicht nur in allen gängigen Browsern anständig funktionieren, sondern auch alternative Darstellungen anbieten - z.B. für das iPhone oder andere mobile Endgeräten und demnächst gewiss auch für Flachbildfernseher. Die Herausforderung, eine tatsächlich runde und funktionierende 360° Präsenz zu erschaffen, ist heute noch recht aufwändig und teuer. Doch dank fortschrittlicher Opensource Lösungen wird auch diese Hürde schon bald genommen sein. Da bin ich mir sicher.

Redaktion: Welche Entwicklung wird das Webdesign in puncto Optik und Gestaltung nehmen?

R. Zotin: Das kann man nicht sagen, denn Webdesign wird sich stets in alle Richtungen weiterentwickeln - das ist ja das Schöne daran! Immer wieder erlebe ich Überraschungen, was die Gestaltung angeht. Hinter einem erfolgreichen Design steht immer ein gutes Designkonzept. Ob dieses nun steril, urban, technisch, verschnörkelt, rund oder eckig ist - es kommt ganz auf das zu behandelnde Thema auf der jeweiligen Seite an. Die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden - und das ist auch gut so!

Redaktion: Nun findet man neben den aufwändig programmierten Seiten in gleicher Weise eher minimalistisch gestaltete Websites, die nicht weniger gefallen. Was sind die Kriterien für eine aufwendig gestaltete oder eine eher schlicht gestaltete Website?

R. Zotin: Grundsätzlich besteht natürlich ein großer Unterschied zwischen aufwändig programmiert und aufwändig gestaltet. Eine sehr aufwändig programmierte Webseite muss nicht zwangsläufig aufwändig gestaltet sein und vice versa. Ich würde sogar behaupten, dass diese beiden Größen in den meisten Fällen im Gegensatz zueinander stehen. Alles hängt von den Zielen ab, die eine Seite verfolgt, Funktionen, die sie bietet und der Zielgruppe, die sie anspricht.

Die Kriterien könnte man zum Beispiel so definieren: Soll eine kurzlebige Seite entstehen, die ein Ereignis, Kinofilm oder ähnliches präsentieren soll, kann man sich an der Gestaltung austoben und auch öfter zu Flash greifen, denn hier gilt es den Besucher einmalig zu beeindrucken und die wenigen Informationen so schmackhaft wie nur möglich zu präsentieren. Bilder und Videos spielen hier eine sehr zentrale Rolle. Die Programmierung einer solchen Seite nimmt meist deutlich weniger Zeit in Anspruch.

Anders verhält es sich, wenn eine Seite konzipiert wird, die größere Massen ansprechen soll und den Besucher animieren soll möglichst oft wieder zu kommen. Gestaltung ist hier natürlich nicht weniger wichtig, doch wirkt eine Seite, die in diesem Segment erfolgreich ist, viel aufgeräumter und auf Flashelemente wird hier z.B. oft komplett verzichtet. Search Engine Optimization, kurz SEO*, ist das magische Wort, das als Aufgabe beim Entwickeln stets beachtet werden sollte.

Eine tatsächlich minimalistisch gestaltete Webseite hat einen ähnlichen Effekt wie eine sehr aufwändig gestaltete, es sei denn dahinter verbirgt sich eine sehr starke und nützliche Funktionalität, wie bei google.com oder search.twitter.com, dann ist der gewählte Stil absolut der richtige. Ich möchte an dieser Stelle sogar behaupten, dass Google aufgrund seiner minimalistischen Gestaltung und der Konzentration auf die Hauptaufgabe - die Suchfunktionalität - die Konkurrenten Microsoft(live.com) und Yahoo abgehängt hat.

* SEO: Search Engine Optimisation, Suchmaschinenoptimierung. Dahinter verbirgt sich die Wissenschaft die Inhalte so optimal im (X)HTML Code unterzubringen, damit die sog. “Spider” bzw. “Crawler” der Suchmaschinen, die Ihre Seite hin und wieder besuchen, diese genau so absuchen, indizieren und später in ihren Suchergebnissen möglichst so darstellen, wie Sie sich das als Webseiten-Betreiber wünschen.

Morgen gibt es dann den zweiten Teil des Interviews in dem sich Rostislav Zotin u.a. zu Usability und Barrieren bei Websites äußert.


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