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Einer der beharrlichsten Mythen in Bezug auf Schriften ist die allgemeine Lehrbuchmeinung, dass eine Serifen-Schrift besser lesbar sei als eine Groteske. Dies gilt zumindest gemeinhin für Printmedien. Für die Web-Typografie gilt hingegen Gegenteiliges. Angeblich sind Serifen-Schriften schlechter zu lesen als Serifenlose und am besten ist ohnehin “Verdana”. Eines der Argumente, die an dieser Stelle immer wieder ins Feld geführt werden, ist die Bildschirm-Typografie. Digitale Medien basieren schließlich auf eckigen Pixel-Rastern, infolge dessen die feinen Serifen und Rundungen einer Schrift zu einer Verfremdung der ursprünglichen Schriftart führen.
Auf diese Weise argumentiert zumindest Martin Liebig, der eine für Web-Verhältnisse unglaublich ausführliche Darstellung dieser Thematik auf Design Tagebuch anbietet. Basierend auf den Ergebnissen einer Studie kommt er zu dem Schluss, dass es außer der Schriftgröße keinen “harten” typografischen Aspekt gibt, der in seiner Bedeutung die ästhetische Wirkung des Schriftbildes überragt. “Viel wichtiger als die oft beschworene “objektive” Lesbarkeit ist, was eine Schriftart ausstrahlt - ihr “Look and Feel”".
Martin Liebig fasst in dem Beitrag die Ergebnisse eines Online-Experiments zusammen, das er gemeinsam mit der Fachhochschule Gelsenkirchen Ende 2008 / Anfang 2009 durchgeführt hat. Mehr als 3.000 Menschen nahmen an dem Experiment teil, bei dem die Lesezeiten von zwölf verschiedenen Schriftarten gemessen wurden. Dabei wurden verschiedene Schriftgrößen und Zeilenabstände sowie variierende Zeilenbreiten getestet, verschiedene Faktoren kombiniert, woraus sich letztlich 1.440 Testkonstellationen ergaben. “Lesbarkeit” wurde dabei mit “Lesegeschwindigkeit” gleichgesetzt. Aber genug der Empirie. Schließlich interessiert uns das Ergebnis der Studie. Und eines davon ist die Widerlegung, dass eine durch das eckige Pixelraster “verunstaltete” Schrift Einfluss auf die Lesbarkeit hat. Sprich, die Unterschiede im Experiment bezüglich der Lesegeschwindigkeit von Serifen- und serifenloser Schrift im Web sind minimal. Zwar ging aus der Studie hervor, dass “Arial”, also eine serifenlose Schrift, im Web am schnellsten zu lesen sei, jedoch war es auch eine “Groteske”, die am schlechtesten abschnitt, nämlich “Corbel”. Betrachtet man sich dabei den Unterschied von 3,9 Prozent, sieht man jedoch, dass die Differenz zu gering ist, als dass sich daraus eine verabsolutierende Empfehlung herauslesen ließe.
Martin Liebig zeigt in seinem Beitrag die Ergebnisse seiner Fragestellung auf: Welche Schriftart ist besser lesbar? Welche Schriftart ist attraktiver? Welche Schriftart wirkt seriöser? Welche Schriftart wirkt moderner? Welche Schriftart ist eleganter? Welche Schriftart ist dynamischer? Darüber hinaus erfragt die Studie, welche Schriftart am ehesten einem Themenfeld, wie zum Beispiel Politik, Sport oder Kultur zuzuordnen ist. Es geht uns hier nun keinesfalls darum, die Arbeit von Martin Liebig in komprimierter Fassung wiederzugeben. Dazu ist sie unserer Meinung nach zu komplex, als dass man Elemente daraus ausklammern kann. Für jeden, der auf der Suche nach Argumenten gegen oder für eine Schriftart ist, sollte diese fundierte Abhandlung - und als solche muss man den Beitrag definitiv verstehen - zur Pflichtlektüre gehören.
Nichtsdestotrotz wollen wir keinesfalls das Fazit dieser Fragestellung verschweigen. Und auch wenn die Eingangsthese von Martin Liebig gewissermaßen ein Kampf für die Serifen-Schrift war, kommt er zu dem Schluss, dass man “serifentragende Schriften [...] im Web offenkundig wirklich zumindest mit ein wenig mehr Bedacht einsetzen [sollte] als Groteske.” Die Begründung ist letztlich das, was an Erkenntnis aus der Studie hervorzuheben ist: Die Serifen-Schrift ist tendenziell nämlich unbeliebter als die serifenlose. Keineswegs spielt dabei der Faktor Lesbarkeit eine so entscheidende Rolle, dass die Schriftästhetik vollkommen in den Hintergrund rücken sollte.
Wir möchten mit einem Teil aus dem Schlusswort von Martin Liebig enden, der alle Web-Gestalter letztlich zu mehr Mut in der Verwendung von Schriftarten aufruft: “Typografie ist weit mehr Emotion als schierer Bedeutungsträger. Gute Typografie unterstreicht den thematischen Kontext, gute Typografie schmeichelt dem Inhalt wie dem Auge, gute Typografie vermittelt Individualität und Wert, Spannung und Seele.”
Den Artikel hat Martin Liebig als PDF zum Download bereitgereitgestellt:
Die gefühlte Lesbarkeit | Martin Liebig | PDF 750K
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