Feb 08

Martin Oeggerli gibt Einblicke in die Welt der Mikroskopie (© Martin Oeggerli 2011, kindly supported by FHNW)

Martin Oeggerli kann man bestimmt nicht als einen gewöhnlichen Fotografen bezeichnen. Das hat zweierlei Gründe. Als erstes wäre da seine spezielle Motivwahl zu nennen. Als Wissenschaftsfotograf widmet er sich nämlich Objekten, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind. Der gebürtige Schweizer, der seine Doktorarbeit in medizinischer Molekularmedizin geschrieben hat, kreiert Bilder mit Hilfe eines Rasterelektronenmikroskops und eröffnet so eine ganz neue Sicht auf verschiedene Organismen. Damit eröffnet sich auch gleich der zweite Grund, der ihn als einen ungewöhnlichen Künstler für unsere Interview-Sparte prädestiniert: Seine Bilder erzeugt er nicht mittels Licht, sondern mit Elektronen. Im folgenden Interview erklärt er uns, was für ihn den Reiz an mikroskopischen Strukturen ausmacht, wie wichtig Bildbearbeitung für seine Werke ist und welche Bedeutung wissenschaftliche Auszeichnungen für ihn haben.

Redaktion: Herr Oeggerli, Sie sind promovierter Molekularbiologe, Forscher am Institut für Pathologie der Universität Basel – und passionierter Fotograf. Woher stammt die Leidenschaft für das künstlerische Schaffen im Rahmen Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit?

Martin Oeggerli: In der Wissenschaft haben Bilder schon immer eine große Rolle gespielt. Die technischen Fortschritte in der Mikroskopie erlauben es uns heute, winzige Lebewesen und wissenschaftliche Sachverhalte zu beobachten und Objekte zu analysieren, die für das menschliche Auge normalerweise viel zu klein wären. Das übt auf mich eine geradezu magische Anziehungskraft aus.

Was ist das Faszinierende an mikroskopischen Aufnahmen und an Objekten, die für das bloße Auge nicht erkennbar sind?

Martin Oeggerli: Mikroskopische Aufnahmen sind ein bisschen wie ein Blick hinter die Kulissen. Man trifft häufig auf skurrile Lebewesen mit faszinierenden Strukturen, welche sich über Jahrmillionen als Anpassungen an den speziellen Lebensraum entwickelt haben. Es ist interessant, sich solche Strukturen mal ganz genau anzusehen, zu staunen und das, was man sieht, zu hinterfragen.

Portrait Martin Oeggerli (© Martin Oeggerli 2011, kindly supported by FHNW)

Ist es der Anspruch, das „Unsichtbare“ sichtbar zu machen, der Ihre Arbeit leitet?

Martin Oeggerli: Nicht unbedingt. In erster Linie möchte ich mit meiner Arbeit das Leben von einer Seite zeigen, die der Betrachter bislang nicht kannte – er soll fühlen, dass in meinen Werken viel Liebe und Sorgfalt steckt. Durch eine geeignete Wahl des Blickwinkels und der Farben versuche ich, den Betrachter zudem auf wissenschaftlich relevante oder anderweitig interessante Details aufmerksam zu machen und zum Nachdenken anzuregen.

Inhalte aus dem medizinischen Bereich sind zum einen Teil Ihrer Arbeit, zum anderen sind es mit Pollen, Blüten oder Schmetterlinge Motive aus der Botanik – worin liegt jeweils der Reiz?

Martin Oeggerli: Pollen, Blüten oder Schmetterlinge, die wir gut zu kennen glauben, sind bei genauer Betrachtung viel mehr als das, was wir uns vorstellen. Trotz winziger Dimensionen – oder vielleicht gerade deswegen – weisen sie oft spektakuläre Mikrostrukturen auf, deren Funktionen oft noch nicht oder nur unzureichend bekannt sind. In der Medizin ist das nicht viel anders. Auch der Mensch verfügt über verschiedene Organe mit abertausenden Zellen sowie unterschiedliche Moleküle und alles muss perfekt miteinander funktionieren! Das ist sehr spannend, aber wissenschaftliche Fragestellungen sind oft ziemlich komplex und nicht ganz einfach zu vermitteln. Bilder helfen, das Thema zu veranschaulichen und wecken das allgemeine Interesse an der Forschung. Und auch wenn es nicht die Regel ist: Manchmal sagen sie tatsächlich mehr als tausend Worte.

Im Gegensatz zu anderen Fotografen, mit denen wir für pixelpipe gesprochen haben, gehört zu Ihrer zentralen Ausrüstung nicht die Spiegelreflexkamera, sondern das Rasterelektronenmikroskop. Können Sie kurz erklären, wie das Verfahren funktioniert?

lncap-compare (© Martin Oeggerli 2011, kindly supported by FHNW)Martin Oeggerli: Genau genommen bin ich gar kein „Fotograf “, da sich der Begriff ursprünglich vom griechischen ‚Photon’ als Bezeichnung der kleinsten Einheit des Lichts ableitet und man mit dem Rasterelektronenmikroskop (REM) nicht Licht, sondern Elektronen zur Bilderzeugung nutzt. Das REM ist ein großes und teures Forschungsgerät und verlangt viel Know-How bei der Bedienung und Erfahrung bei der Präparation der Objekte. Diese müssen chemisch fixiert und über ein aufwändiges Verfahren getrocknet werden, um zu verhindern, dass ihre Oberfläche beschädigt wird. Durch zusätzliche Bedampfung mit Edelmetall (meist Gold) wird außerdem die elektrische Leitfähigkeit verbessert. Erst danach kann das Objekt im Hochvakuum analysiert und mit einem feinen Elektronenstrahl Punkt für Punkt beziehungsweise Pixel für Pixel abgetastet bzw. „gerastert“ werden – daher kommt übrigens die Bezeichung Rasterelektronenmikroskop. Den genauen Prozess im Detail zu erklären würde mit Sicherheit den Rahmen dieses Interviews sprengen – aber schlussendlich erhält man die charakteristischen REM-Bilder mit Vergrößerungen zwischen 1:10-fach bis zu 1:100’000-fach oder auch mehr.

Die damit gewonnenen Ergebnisse sind kaum coloriert, ihre Arbeiten hingegen bestechen durch ihre faszinierende Farbgebung. Liegt der größte Aufwand demnach in der Bildbearbeitung?

Martin Oeggerli: Ja, die Bilder werden erst über einen zweiten Schritt eingefärbt. Da jedes Objekt ganz spezielle Eigenschaften hat – zu nennen sind hier unter anderem Festigkeit, Wassergehalt und Größe – ist der Aufwand für die Vorlagen immer sehr variabel. In der Regel ist es letztlich immer die Coloration, welche bei weitem am meisten Zeit erfordert. Insbesondere bei detailreichen Aufnahmen kommen hier schnell einige dutzend Arbeitsstunden zusammen.

Mit welcher Software arbeiten Sie für die Bildbearbeitung?

Martin Oeggerli: Es gibt nicht so viel, was sich dafür eignet – dreimal dürfen Sie raten.

Herr Oeggerli, Referenzen in renommierten Publikationen und zahlreiche Auszeichnungen zieren Ihre Vita. Zuletzt erhielten Sie mit Ihrem Beitrag ‘What’s the face of cancer?’ den ersten Platz beim Wettbewerb „Bilder der Forschung“. Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen wie diese?

Martin Oeggerli: Durch die Bilderflut in unserer Zeit gibt es nur wenige Bilder, die man nicht vergisst. Referenzen und Auszeichnungen sorgen für Aufmerksamkeit und helfen, sich in der Branche einen Namen zu machen. Für mich persönlich ist es aber vor allem ein schönes Kompliment, wenn die eigene Arbeit von Experten und Kollegen geschätzt wird.

Wenn Sie die Wahl hätten: Was würden Sie gern – abgesehen von botanischen oder medizinischen Objekten – einmal vor der Linse haben?

Martin Oeggerli: Es gibt zahlreiche attraktive Motive aus der Technik, die mich reizen würden, zum Beispiel Micro-Roboter, Uhrenlaufwerke oder etwa die Bestandteile eines modernen Hochleistungscomputers.

Vielen Dank für das Gespräch!

Fotos © Martin Oeggerli 2011, kindly supported by FHNW


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Reaktionen zum Beitrag: Ein wissenschaftlicher „Blick hinter die Kulissen“: Martin Oeggerli im Interview

  1. 1. Markus Oeggerli, Bern meint:

    Es erstaunt mich immer wieder, wie Martin die “kleinen Dinge” des Lebens so grossartig darstellen kann. Ich stelle mir oft diese akrybische Arbeit vor, die Geduld, die es braucht, solche wunderbaren Bilder zu schaffen. Ich freue mich jedesmal auf den Newsletter! Weiter so…

  2. 2. Heidi Pfaff meint:

    Ich muss vorausschicken, dass ich ein totaler Laie bin. Aber ich bin sehr beeindruckt von den schönen Aufnahmen und lasse mich gerne in eine mir unbekannte Welt entführen. Die Schönheit dieser verborgenen Welt ist ein wahres Wunder, das man nur bestaunen und sich davon entzücken lassen kann. Ich freue mich auf jede neue Mitteilung und geniesse restlos alle Aufnahmen. Ein grosses Dankeschön an Martin Oeggerli, der uns an seinen Arbeiten telhaben lässt.

  3. 3. Philippe Wiget meint:

    Martin ist der Meister in seinem Gebiet. Ich bin mächtig stolz, dass wir Freunde sind und es passt zu seiner Arbeit, dass er wohl der geduldigste und sorgfältigste Mensch ist, den ich kenne. Die Bilder sind einfach der Hammer und ich wünsche ihm wirklich mehr grosse Erfolge und tolle Kunden für seine Arbeit. Er Wert der Bilder ist immens.

  4. 4. Meichtry Stefan meint:

    Ein sehr guter Beitrag! Insekten gehören auch zu meinen Lieblings-REM-Objekten. Vorallem Facetten-Augen sind sehr faszinierend! Leider sind meine Bildbearbeitungskenntnisse noch nicht soweit fortgeschritten wie die von Martin. Aber was nicht ist, kann ja noch werden… Vielleicht kann Martin mit seinen Bildern einmal ans http://www.Pix-Mix.CH kommen?
    Freundliche Grüsse aus Bern,
    Stefan

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