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Im zweiten Teil unseres Interviews mit Doc Baumann spricht der Photoshop-Experte und Chefredakteur des Bildbearbeitungsmagazins DOCMA unter anderem über die Gründe der Vormachtstellung von Photoshop und erklärt, welche Anforderungen er an die neue Generation der Bildbearbeiter stellt.
Redaktion: Was sind Ihrer Meinung nach neben Adobe Photoshop die wichtigsten und besten Bildbearbeitungsprogramme?
Doc Baumann: Ehrlich gesagt: keine. Ich bin keineswegs mit Adobe verheiratet und obwohl durchaus einiges auf dem Markt zu finden ist und immer wieder Neues versucht wird, reicht letztendlich keines dieser Programme in puncto Vielfalt, Benutzerfreundlichkeit und seinen Möglichkeiten an das heran, was Photoshop leistet. Wobei ein Einsteiger natürlich nicht gleich zum professionellen Photoshop Extended greifen muss, sondern erstmal mit dem deutlich günstigeren Photoshop Elements anfangen kann, wenn dann auch mit eingeschränkten Möglichkeiten. Aber alles, was ich mir in den letzten Jahren angeschaut habe, reicht eben nicht an Photoshop heran. Das war in den Anfängen anders. Colorstudio war damals ebenbürtig, wenn nicht sogar das bessere Programm. Aber heute kann ich niemandem, der auf hohem professionellem Niveau arbeiten möchte, ein anderes Programm als Photoshop empfehlen.
Redaktion: Woran, denken Sie, liegt es, dass es kein anderer Hersteller geschafft hat, ein gleichwertiges Programm auf den Markt zu bringen?
Doc Baumann: Ich glaube, das ist auch eine Frage von Marktmacht. Wenn sich bestimmte Standards erst einmal etabliert haben - das betrifft zum Beispiel solche Sachen wie Dateiaustausch - dann ist es sehr schwer, etwas Neues auf dann Markt zu bringen, das von Anfang an so gut und nicht mängelbehaftet ist, dass die User davon so überzeugt sind, dass sie bereit sind, umzusteigen. In anderen Bereichen gibt es ja so etwas durchaus. Ein Konkurrenzkampf hat sich ja zum Beispiel bei den Layoutprogrammen zwischen QuarkXPress und Adobe InDesign abgespielt. Nachdem sich beide Programme lange Zeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert haben, hat es InDesign irgendwann geschafft, sich einen so großen Vorsprung zu erarbeiten, dass sich zahlreiche Quark-User bei der nächsten Version für InDesign entschieden haben. Im Bereich der Bildbearbeitung hat es etwas Vergleichbares jedoch nie gegeben. Es gab einmal einen Versuch, der aber gar nicht an die Öffentlichkeit gedrungen ist, der möglicherweise die Kapazität gehabt hätte, eine ernsthafte Alternative für Photoshop zu werden. Der Entwickler der ersten Photoshop-Plug-ins, Kai Krause, hatte einmal angefangen, eine eigenständiges Software zu programmieren, die auch völlig anders aufgebaut worden wäre. Irgendwann hat er aber die Arbeit daran leider eingestellt. Bei der Marktmacht von Adobe ist es mittlerweile fast aussichtslos, und daher beschränken sich die Entwickler darauf, sehr spezialisierte Plug-ins und Zusatzfilter zu programmieren, die man dann im Photoshop verwenden kann.
Redaktion: Wie stehen Sie zu Freeware wie beispielsweise Gimp?
Doc Baumann: Photoshop kostet natürlich nicht wenig. Bei vielen Einsteigern sehe ich, dass sie mit der Komplexität der Funktionen überfordert sind - verständlicherweise. Für reine Privatanwendungen und die wenigen Funktionen, die man von Photoshop dafür nutzt, ist es nicht lohnenswert, so viel Geld auszugeben. Da gibt es jetzt einige Programme und Online-Dienste, wo man gar nicht mehr das Programm kaufen muss, sondern sich einfach die entsprechende Funktion aussucht, mit der man das Bild bearbeiten will. Die Anbieter versuchen, so benutzerfreundlich wie möglich zu sein, so dass man letztlich fast gar nicht mehr denken muss, sondern nur noch aus den Vorgaben auswählt, die man auf sein Bild angewendet haben möchte. Für Einsteiger und Privatanwender können auf diese Weise durchaus akzeptable Ergebnisse erzielt werden.
Gimp ist da noch ein wenig anspruchsvoller, weil hier zahlreiche Funktionen beinhaltet sind, die man auch im Photoshop findet. Ich habe mir Gimp ein paar mal angeschaut, auch um darüber zu schreiben, habe aber keine Funktion entdeckt, die es bei Photoshop nicht oder nur schlechter gibt. Für Leute, die nur bis zu einem bestimmten Niveau arbeiten wollen, ist Gimp aber völlig okay.
Redaktion: Die technischen Möglichkeiten im Bereich Bildbearbeitung sind in den letzten Jahren immer größer geworden und Softwarehersteller bringen immer wieder verbesserte Versionen auf den Markt. Welche dieser neuen Techniken finden Sie besonders hilfreich und wo sehen Sie noch Nachholbedarf?
Doc Baumann: Hilfreich für mich sind Techniken, die mich nicht auf das festlegen, was ich in einem bestimmten Augenblick entschieden habe. Wenn ich früher ein Bild gemalt habe, dann war der Pinselstrich drauf und ich bekomme ihn nur mit einem Terpentinlappen wieder weg. Der hat den Strich aber nicht sauber beseitigen können. Ein großer Meilenstein war diesbezüglich bei Photoshop die Entwicklung des des Ebenenkonzeptes. Jede dieser Schichten steht einzeln für sich und ich kann die Elemente auf diesen Ebenen verschieben oder hinsichtlich Farbe, Helligkeit und so weiter bearbeiten.
Der nächste wichtige Schritt war die Einführung der Einstellungsebenen. Die machen es für den Anwender möglich, an einen bestimmten Punkt seiner Arbeit zurückzukehren und einzelne Einstellungen neu vorzunehmen. Wenn man früher einen Kontrast bestimmt hatte, musste man den fest ins Bild einrechnen. Wollte man im Nachhinein diese Veränderung rückgängig machen, konnte es zu Tonwertabrissen oder Artefakten kommen und das Bild war letztlich nicht mehr zu gebrauchen. Heute kann man jederzeit Korrekturen an den entsprechenden Reglern vornehmen. Ein Eingriff ist also nicht mehr endgültig.
Der dritte Schritt war dann die Einführung von SmartFiltern, die in vergleichbarer Weise arbeiten. Bestimmte Effekte, mit denen man das Bild schärfen, weich zeichnen oder modifizieren kann, müssen jetzt nicht mehr festgemacht werden. Wenn der Anwender eine Veränderung vornimmt, beispielsweise einen Hintergrund unscharf machen will und hierfür einen Weichzeichnungsfilter darüber legt, kann er im Nachhinein die Werte des Filters immer noch anpassen.
Daneben gibt es noch die sogenannten Ebenenmasken, die ebenso eine wichtige Rolle bei der Sichtbarkeit von Eingriffen darstellen. Wichtig ist, dass der Benutzer nicht auf bestimmte Bildzustände festgelegt wird, sondern immer die Möglichkeit hat, im Verlauf der Bearbeitung getätigte Arbeitsschritte rückgängig zu machen, ohne gleich völlig von vorn anfangen zu müssen. Dazu kommt, nicht nur bei Photoshop, dass man immer stärker auf Benutzerfreundlichkeit achtet. Sprich, es werden nicht unbedingt neue Lösungen angeboten, sondern man versucht, den Anwendern, die mit den Programmen nicht so sehr vertraut sind, Werkzeuge und Einstellungen an die Hand zu geben, die ihnen die Arbeit erleichtern und schnell zu den gewünschten Ergebnissen führen.
Allerdings gibt viele Funktionen, für die es auch nach 25 Jahren digitaler Bildbearbeitung noch immer keine vernünftigen Lösungen gibt. Selbst wenn es nur um eine reine Bildoptimierung in Bezug auf Schärfe, Farbigkeit oder Kontraste geht, man muss immer wieder Auswahlen treffen. Erst recht, wenn man nun zum Beispiel eine Figur ausschneiden und in ein anderes Bild übertragen will, muss man die Figur samt allen problemtischen Komponenten wie Haare freistellen. Da gibt es zwar inzwischen Werkzeuge, die die Arbeit etwas erleichtern. Aber das Werkzeug, das es schafft,komplexe Objektkonturen schnell und mit hoher Qualität freizustellen, gibt es immer noch nicht.
Redaktion: Wie ist es um den kreativen Nachwuchs in puncto Bildbearbeitung bestellt?
Doc Baumann: Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten, die Menschen an das Thema Bildbearbeitung heranführen: Rumexperimentieren, Kurse, Fachliteratur, Zeitschriften wie DOCMA. Was mir aber im Vergleich zu dem, was man früher an Kunsthochschulen gelernt hat, auffällt, ist, dass früher niemand auf die Idee gekommen wäre ein guter Maler zu sein, nur weil er weiß, wie man ein Pinsel hält oder Ölfarben auf der Palette mischt. Früher wäre jedem klar gewesen, dass dazu viel Erfahrung und Arbeit gehört. Dass man sich beispielsweise mit Anatomie, Perspektive, Faltenwurf, Farbtheorien unddergleichen beschäftigen muss.
Heutzutage habe ich oft den Eindruck, dass viele Anwender glauben, wenn sie ein Programm wie Photoshop halbwegs beherrschen, dass der Rest dann von allein kommt. Diese Einstellung spiegelt sich natürlich in den Bildern wider, die gerade in puncto Bildlogik oft völlig daneben liegen. Man möchte diese Grafiker darauf hinweisen, dass Programmkenntnis eben nur ein Teil ist, um ein gutes Bild zu erzeugen, und dass man weit mehr beherrschen muss. Da fehlt mir zum einen die persönliche Motivation vieler Leute, sich mit solchen Aspekten intensiver zu befassen, und zum anderen vermisse ich auch die entsprechende Sensibilisierung und Schulung im Ausbildungsangebot. Das heißt natürlich nicht, dass es keine sehr guten Bildbearbeiter gibt, die ganz tolle Sachen machen. Aber wenn man sich anschaut, was teilweise von hochprofessionellen Agenturen als Titelbild oder in der Werbung geliefert wird, dann ist das mitunter haarsträubend. Für das Auge eines Laien ist das vielleicht oft nicht sichtbar, aber wenn man sieht, dass die Schatten in die falsche Richtung fallen oder dass Perspektive und Schärfentiefe nicht stimmig sind, fragt man sich, woher die Leute den Mut nehmen, ihre Bilder zu veröffentlichen. In DOCMA versuchen wir daher auch immer wieder, unsere Leser für Aspekte der Bildlogik zu sensibilisieren.
Redaktion: Was glauben Sie, wird auf dem Gebiet der Bildbearbeitung künftig noch möglich sein?
Doc Baumann: Da bin ich fast überfragt. Ich bin selbst immer wieder von dem überrascht, was die Programmierer in den neuen Versionen bringen.
Was in letzter Zeit aber deutlich wird, ist die Tendenz zu 3D. Betrachtet man sich beispielsweise den Bereich der Werbung, speziell die Autowerbung, da gibt es nahezu keine Autos mehr, die in “freier Wildbahn” fotografiert werden. Die Integration von 3D- und 2D-Bildbearbeitung ist auf jeden Fall ein Bereich, wo sich auch künftig noch sehr viel tun wird. Photoshop hatte ja bereits in der vorangegangen Version einfachste 3D-Tools integriert, die nun in der CS4-Version noch deutlich ausgebaut wurden und auch künftig sicherlich weiter verbessert werden. Was die technische Entwicklung betrifft, denke ich, dass die Grenze nach oben offen ist. Vieles ist noch nötig, was den Alltag des Bildbearbeiters vereinfacht, wie zum Beispiel das von mir bereits angesprochene Freistellen. Daneben sollte Adobe endlich mal alte Mängel aufzuheben. Das Programm beinhaltet noch viele Funktionen und Anzeigen aus seiner Frühzeit, die damals aufgrund der langsamen Rechnergeschwindigkeiten eingeschränkt waren, da sonst der Bildaufbau zu lange gedauert hätte. Aber einige dieser Dialogfelder sollten nun allmählich so überarbeitet werden, dass der Anwender nicht mit Beschränkungen zu kämpfen hat, die seit 15 Jahren überflüssig sind.
Redaktion: Zum Beispiel?
Doc Baumann: Viele Verzerrungsfilter etwa. Es gibt einen einfachen, aber nicht selten gebrauchten Filter, den Radialen Weichzeichner, mit dem man strahlenförmige Verwischungen erzeugen kann, die auf ein Zentrum zulaufen. Seit der Einführung dieses Tools vor etwa 20 Jahren gibt es immer noch den alten Dialog. Damals wäre es sehr aufwendig gewesen, eine Voransicht des Ergebnisses zu bringen, weil der Rechner dafür einfach zu langsam war. Heute sind die Rechner natürlich viel schneller, aber ich habe nach wie vor keine Möglichkeit im Vorhinein zu sehen, wie die Bearbeitung in meinem endgültigen Bild aussehen wird. Und das ist leider nicht der einzige Dialog, wo Adobe hinterherhinkt. Es gibt noch einiges zu tun. Aber es gibt ja auch alle ein bis zwei Jahre eine neue Programmversion. Insofern dürfen wir sicherlich noch mit vielen neuen Funktionen rechnen.
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