Jan 22

stilpirat

Während Stilpirat Steffen Böttcher im ersten Teil des Interviews über seine Arbeit als Fotograf gesprochen hat, geht es nun um sein Schaffen als Designer und sein Verständnis von gutem und schlechtem Design. Natürlich wollten wir auch wissen, was ihn dazu antreibt, sein Wissen und seine Inspirationsquellen auf seinem Blog mit seinen Lesern zu teilen. Alles darüber und noch mehr erfahrt ihr im zweiten Teil unseres Interviews mit Steffen Böttcher.

Redaktion: Sie sind neben Ihrer Arbeit als Fotograf zudem Grafik- und Webdesigner. Wie definieren Sie gutes Design?

Steffen Böttcher: Gutes Design impliziert ja, dass es auch “schlechtes” Design gibt. Ich glaube allerdings nicht, dass es schlechtes Design gibt. Für mich wäre es dann schlichtweg kein Design. Designen ist ein Prozess, der mit Analyse und Überlegung beginnt. Einem ernsthaften Vertreter der Branche könnte man also allenfalls vorwerfen, ungenügend auf die Bedürfnisse des Endverbrauchers eingegangen zu sein.
Ich halte auch die weitverbreitete Annahme, gutes Design befreit alles Nützliche vom Unnützen, für überholt. Design darf und soll mit Leidenschaft Leidenschaft wecken. Alle Mittel sind erlaubt. Einzig ästhetische (und somit subjektive) Empfindsamkeiten richten über Sieg und Niederlage. Der gruselige Teppichwerbeflyer mit wenigstens 23 verschiedenen Typos in jeder Größe und Farbe gefällt ja auch irgendjemandem - und wenn es nur der Urheber ist. In diesem Fall, weigere ich mich jedoch den Begriff “Design” anzuwenden.

Redaktion: Ist Ihnen in der letzten Zeit ein Beispiel für besonders gelungenes Design in Erinnerung geblieben? Können Sie uns zudem in punkto Design ein Negativbeispiel nennen, was prototypisch für alles steht, was man gestaltungstechnisch falsch machen kann - den Worst Case sozusagen?

Steffen Böttcher: Mir ist vor kurzem die Gestaltung des neuen Max Raabe-Albums “Übers Meer” sehr positiv aufgefallen. Mir gefällt vor allem die kühle Schlichtheit, die einen klaren und gerichteten Fokus setzt. Interessant finde ich vor allem, dass das Cover keinesfalls wieder nach den “goldenen Dreißigern”, “Palast” oder “Schellack” “riecht” und trotzdem auf den zeitlichen Ursprung der Musik eingeht. Die Gestaltung schafft es, Caspar David Friedrich zu zitieren, ohne dabei zu “müffeln”.

Mein Lieblingsopfer in der Kategorie “Negativbeispiel” ist das Logo der Hypo Real Estate. Ich kenne weder die Hintergründe noch die Notwendigkeiten und Beschränkungen, unter denen dieses Logo entstanden ist. Ich finde es von vorn bis hinten “ungelungen”.

Redaktion: In einem Interview haben Sie einmal gesagt: “Design rules the world!” Das hört sich natürlich gut an, aber ist das nicht eher Wunschvorstellung?

Steffen Böttcher: Ich habe in diesem Interview ja Beispiele angebracht, die diese These stützen. Ich bin davon überzeugt, dass Design die Welt verändern kann. Wie weit wäre Hitler mit falscher Symbolik und Farbe gekommen? In rosa Uniform und Blümchen auf der Armbinde hätte er mit Sicherheit kein Volk in dem Maße mobilisieren können. Google hat seinen weltweiten Siegeszug mit dem schlichten Seitendesign seiner Startseite begonnen und zu verdanken. Würden wir heute wirklich “googeln” wenn man das Suchfeld damals erst unter unzähligem Neon-GIF-Geblinke hätte finden müssen? Das “richtige” Design - ob Verpackung, Möbel oder Kleidung - spricht die Sinne des Verbrauchers als Erstes an und weckt den “Habenwill” Instinkt. Die Natur hat uns die Emotion vor die Vernunft gestellt. Diese Kenntnis auszunutzen und gezielt einzusetzen, ist eine gewaltige Waffe. Design spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Redaktion: Wie wichtig ist für Sie das Internet als Inspirationsquelle?

Steffen Böttcher: Man darf das Internet in dieser Hinsicht weder über- noch unterschätzen. Ich liebe Portfolio-Portale wie Behance oder Supertopic. Früher wären all diese fantastischen Arbeiten an mir vorüber gegangen. Und sicherlich fließt die eine oder andere Idee auch in meine Arbeit ein. Mir fällt jedoch auch immer wieder auf, wie unendlich viel Inspiration die Natur zu bieten hat. Ich wohne auf dem Land und bin relativ viel draußen. Was ich da an geometrischen Formen und für eine Vielzahl von Farben entdecke, ist unvergleichlich. Im Vergleich zum Web ist diese Inspirationsquelle wesentlich originärer und zeitloser.

Redaktion: Welche Websites dürfen in Ihrem Feedreader nicht fehlen?

Steffen Böttcher: Es gibt in der Tat einige Seiten, die ich täglich ansurfe. Die meisten davon haben im weitesten Sinne mit Fotogafie zu tun. Meine Blogroll auf stilpir.at gibt eigentlich sehr gut darüber Auskunft.

Meine drei Lieblingsblogs sind momentan:

Redaktion: Unsere letzte Frage gilt Ihrem eben erwähnten Blog Stilpirat, in dem Sie immer wieder Inhalte aus Ihren Arbeitsfeldern veröffentlichen. Was treibt Sie persönlich an, Ihr Wissen mit Ihren Lesern zu teilen?

Steffen Böttcher: Es sieht nur auf den ersten Blick so aus, als würde ich mein Wissen oder meine Arbeit ins Netz blasen. Ich sehe mich als Teil des Internets, der Informationen und Inspirationen aufsaugt und einiges davon wieder zurück gibt. Ich mag diesen “Do your own thing and share it”-Gedanken. Ohne diese Art des Teilens mit unendlich vielen Anderen, die ebenso denken, wäre das Netz bald mausetot oder unsinnig.

Steffen Böttcher

Portfolio: www.stilpirat.de
Blog: stilpir.at


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